Samstag, 11. Juni 2016

Befehlssprache

www.google.com "Arbeitsblatt" Ausschnitt

Die Gabe von Aufgaben im Unterricht oder in Tests ähnelt augenscheinlich Befehlsausgaben bis in die modernsten Lehrformen und Testformen hinein (vgl. Deleuze & Guattari (2005). Insofern ist die Verwendung des flexiblen Interviews nicht automatisch eine soziale Errungenschaft.

Immerhin ermöglicht die Methode, dass der Übergang von Befehlssprachen zum Sprachspiel (vgl. Wittgenstein, 1980) erforscht, bewusst gemacht und entwickelt werden kann. Das Sprachspiel wird Experimentierraum für Empathie und Verstehen (vgl. Imola, 2010).


Literatur
Deleuze, G., Guattari, F. (2005). Tausend Plateaus: Kapitalismus und Schizophrenie (6. Aufl.). Berlin: Merve Verlag.
Imola, A. (2010). Empathie und verstehen. Die Methode von Nicola Cuomo. Verfügbar unter:  http://rivistaemozione.scedu.unibo.it [18.03.2012]
Wittgenstein, L. (1980). Tractatus logico-philosophicus, Tagebücher 1914-1916, Philosophische Untersuchungen (4. Auflage). Frankfurt a.M.: Suhrkamp Verlag.

Mittwoch, 27. April 2016

Mathematik - Ein wuchernder, nomadisierender Jargon




Gilles Deleuze und Félix Guattari (vl., Bild aus Mark Dyal)

Schaut euch die Mathematik an, das ist keine Wissenschaft, sondern ein wuchernder, nomadisierender Jargon. Sogar und vor allem in der Theorie leistet ein prekäres pragmatisches Gedankengebäude mehr als der Abklatsch von Begriffen, die ihren Einschnitten und Weiterentwicklungen zum Trotz doch nichts ändern. (S. 38f.)

Literatur
Deleuze, G., Guattari, F. (1977). Rhizom. Berlin: Merve Verlag.

Samstag, 6. Februar 2016

Mit Symptomen unterwegs

Bei Schulängsten, Lernstörungen, Burnout oder Verhaltensschwierigkeiten sollten folgende Fragen auch bedacht und besprochen werden. Dieser Text ist eine Art Merkzettel, der in Gesprächen frei ergänzt und verwendet werden könnte:
  • Was versuchen die beteiligten Subjekte mit dem Symptom und gegen das Symptom verzweifelt zu lösen?
  • Ist das Symptom ein Versuch, sich dem Spiel der Winde der Angst anzupassen? Fühlen sich die Subjekte wie Fahnen im Wind?
  • Ist das Subjekt fähig zu wandern, das Symptom auf den Schultern tragend, wie Zarathustra den Zwerg
  • Hat das Subjekt den Willen und die Kraft, auf der Wanderschaft inne zu halten, den Zwerg von der Schulter zu nehmen und mit ihm zu reden, ähnlich wie Zarathustra?
  • Wie bewusst ist den beteiligten Subjekten, dass sie FABRIKATE sind? Fabrikate der Familienfabriken. Fabrikate der Kindergartenfabriken. Fabrikate der Schulfabriken. Fabrikate der Hochschulfabriken. Fabrikate der Bürofabriken. Fabrikate der Altersheime. Usw.
  • Wie gut sehen die Subjekte ein, dass Fabrikat und Symptom zusammen gehören?
  • Haben die Subjekte schon einmal überlegt, dass die Symptome eine Art Steuern sind, die sie einem unheimlichen Unbekannten bezahlen?
  • Beckett (1995) lässt Moran über sich als Fabrikat nachdenken. Dieser ordnet seine Hinrgespinste peinlich, sorgfältig und ruhig, bis ihm die Winde der Angst wieder alles durcheinander wirbeln.
  • Symptome sind kontrollierbar gemachtes Entsetzen, könnte man in der Tradition von Nietzsche, Freud, Riemann oder Beckett zusammenfassen. Ist das so?
Die Arbeit mit diesen Fragen bedeutet, sich auf das UNGEWISSE einzulassen, sei es in der Schule oder sei es in Therapien. Dabei kann die Schule entdecken, dass sie eine Fabrik geworden ist für Kompetenzen. Je mehr sich die Schule peinlich zertifizieren lassen will, desto weniger wird sie Bildungsraum für das Ungewisse. Die Parade des Wissens lässt das Lernen, welches per Definition tätige Gemeinschaft mit dem Ungewissen ist, verdunsten.

Jede vernünftige Pädagogin und jeder vernünftige Pädagoge würden jetzt einwenden, dass sie doch keine Menschen fabrizieren möchten! Darauf würden die Symptome erwidern: "Schaut uns genau an, nicht nur die guten Noten, sondern auch wir sind doch Parade-Fabrikate der Schule." So ginge es hin und her, ohne dass die Beteiligten mit der Absurdität umgehen lernten.

Auf der anderen Seite wären die Therapien Fabriken für Gesundheit oder Funktionalität, wobei ungeklärt bleibt, ob ein neues, anfänglich erleichterndes Fabrikat bloss ein gefälligeres Gewand für ein altes Symptom ist.

Was bewirken das Sprachspiel nach Wittgenstein bzw. das flexible Interview im Spannungsfeld der Fabriken, der Symptome und des Unwissens?

Beim Sprachspiel LERNEN Subjekte, ihre eigenen Bewusstseine in eine Gemeinschaft einzubringen. Das Unwissen wird ebenbürdig und miteinander studiert und durchschritten.
Im flexiblen Interview wird ähnlich wie im Sprachspiel vorgegangen mit dem Unterschied, dass Gegenstände manipuliert werden. Das flexible Interview ist Sprachspiel und Spiel der Hände (Rechensteine, Karten, Richtschnur, Würfel, Silbenkarten uvm.).

Der unbewusst gemachte Zwerg im Zarathustra kann heute auch als das unbewusst wirkende, operante Konditonieren bezeichnet werden. Operantes Konditionieren fabriziert berechenbares Wissen oder es durchmisst die Symptome. Und wer berechenbares Wissen beibringen möchte, konditioniert operant, letztlich. Das verwandelt Schulen und Familien und andere Institutionen in Fabriken.

Das Sprachspiel und das flexible Interview machen erkennbar, wie die Angst vor der Überwindung des operanten Konditionierens überwunden werden kann. Zarathustras Thorweg wird zu einem Ort der Bildung, auf dem der unendliche Weg zurück in die Geschichte und der unendliche Weg in die Zukunft zusammen kommen. Die Bildung entfaltet sich als gemeinsames Nachdenken und Gestalten über Wanderschaft.



Literatur
Beckett, S. (1995). Molloy (Gesammelte Werke in Einzelbänden, Bd. Bd. 6). Frankfurt a.M.: Suhrkamp.
Niemeyer, C. (2002). Nietzsche, die Jugend und die Pädagogik. Weinheim: Juventa Verlag.
Nietzsche, F. (o.J.). Also sprach Zarathustra. Verfügbar unter: http://gutenberg.spiegel.de/buch/-3248/57 [05.02.2016]  
Riemann, F. (2013). Grundformen der Angst (41. Aufl.). München: Ernst Reinhardt. 
Wittgenstein, L. (2013a). Bemerkungen über die Grundlagen der Mathematik (9. Auflage).Frankfurt a.M.: Suhrkamp Verlag.
Wittgenstein, L. (2013b). Über Gewissheit (13. Auflage). Frankfurt a.M.: Suhrkamp Verlag.

Donnerstag, 8. Oktober 2015

Vom Lärm zum Sinn der Sprachen und zu Erkenntnissen in der Pädagogik



Michel Serres (web-tech.fr)

« Keine Wissenschaft ohne vorgängige Musik. Die mathematischen Sprachen erklären die Welt; sie werden aus dieser Musik geboren; diese wiederum singt die Gesamtheit der Dinge. Sie wird aus ihren Geräuschen geboren und geht der grossen aleatorischen (Duden: auf Zufall beruhend, dem Zufall überlassen) Erzählung des Lebenden und des Universums voraus, die sich die Menschen erzählen. » (Serres, 2015, S. 35)

Es liegt am Wanderweg, den das neue Werk von Michel Serres zeichnet, dass wir auch die folgende Frage annehmen: Wenn keine Wissenschaft ohne vorgängige Musik existieren kann, wie ist es dann um die angewandte Pädagogik oder die Schulpsychologie bestimmt? Konkret:  

  • Welche Geräusche erklingen in den Klassenzimmern, Seminarräumen und Untersuchungszimmern? 
  • Mögen Sie diese Geräusche? 
  • Mögen die Kinder, die Jugendlichen und die Studierenden diese Geräusche? 
  • Freuen Sie sich gar auf diese Geräusche? 
  • Und freuen sich die Kinder, Jugendlichen und Studierenden auf diese Geräusche? 
  • Und welche mathematischen Fragen werden in diesen Geräuschen und deren Musik erzeugt? 
  • Mögen Sie diese Fragen? 
  • Freuen Sie sich gar auf diese Fragen? 
Ich kenne die Antworten auf diese Fragen erst wirklich, wenn ich sie in der Kooperation und dem Dialog mit den Lernenden gesucht habe. Dann erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass bedeutsames Unterrichten und Untersuchen erzeugt worden sind (Klafki, 1996).


Das gilt auch für das flexible Interview als Methode. Sie ist kein Automat für die Herstellung von besserem Wissen über die Einsichten in Mathematik oder in andere Forschungsgegenstände. Auch diese Methode lebt von der Aufmerksamkeit für die Geräusche und die Musik.
 


Literatur

Klafki, W. (1996). Neue Studien zur Bildungstheorie und Didaktik. Zeitgemässe Allgemeinbildung und kritisch-konstruktive Didaktik (5. Auflage). Basel: Beltz Verlag.

Serres, M. (2015). Musik. Berlin: Merve Verlag.